URL: http://www.ot-forum.de/e396/e9522/e24484/e24512/index_ger.html

Laut dem Verband Physikalische Therapie VPT e.V. stellen Deutschlands Ärzte rund 29 Millionen Heilmittelrezepte im Jahr aus. 237 Millionen Heilmittel-Behandlungen gesetzlich krankenversicherter Patienten wurden allein 2006 durchgeführt - darunter Therapien von Rückenleiden oder Sprachstörungen (Quelle: Wissenschaftliches Institut der AOK/Heilmittel-Report 2008).
Auch viele der 200.000 Schlaganfallpatienten pro Jahr erhalten logopädische, physio- sowie ergotherapeutische Betreuung, um in den Alltag zurückzufinden, Bewegungs- und Sprechfähigkeit wiederzuerlangen.
Mit rund 3,9 Milliarden Euro entfallen etwa 2,46 Prozent des Budgets der Gesetzlichen Krankenversicherung auf die Heilmitteltherapie. Insgesamt werden jährlich 4,5 Milliarden Euro für diesen Bereich eingesetzt (VPT). Bisher muss ein Arzt die Behandlung in einer der rund 45.000 Heilmittelpraxen verordnen. Doch Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden wollen direkten Zugang zum Patienten - also erste Anlaufstelle auch für Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung sein. Als ein Schritt zum "Direct Access" wird das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz bewertet. Voraussetzungen und Chancen diskutiert die Branche zur gesundheitspolitischen Veranstaltung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Heilmittelerbringer e.V. am 20. März 2009 zwischen 10.00 und 12.00 Uhr zur therapie Leipzig.
Die Veranstaltung steht unter dem Titel "Neue Aufgabenverteilung der Gesundheitsberufe: Freiräume für Heilmittelerbringer - Kompetenzerweiterung für neue Formen der Leistungserbringung". Das Grundsatzreferat hält Arnd Longée, stellvertretender Vorstandssprecher der BHV. Die therapie Leipzig - Fachmesse und Kongress für Therapie, Medizinische Rehabilitation und Prävention findet vom 19. bis 21. März 2009 in Leipzig statt.
"Das Thema 'Direct Acces', also der Direktzugang zum Therapeuten ohne eine ärztliche Verordnung, spielt in Zukunft sicher eine hervorgehobene Rolle", glaubt Udo J. Fenner, Bundesgeschäftsführer des Verbandes Physikalische Therapie - Vereinigung für die physiotherapeutischen Berufe (VPT) e.V., der rund 20.000 angestellte und selbstständige Physiotherapeuten sowie Masseure und medizinische Bademeister vertritt. "Leider stößt eine höhere Therapeutenautonomie nicht bei allen Beteiligten auf positive Resonanz. In der Ärzteschaft ist in dieser Hinsicht erheblicher Widerstand festzustellen." Doch die Politik habe durch die Änderung des Paragrafen 63 SGB V im Rahmen des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes zumindest für Physiotherapeuten die Möglichkeit geschaffen, in Modellvorhaben alternative Modelle für die Leistungserbringung zu erproben. "Es wird aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis hier erste Ergebnisse vorliegen", so Fenner.
Im Bereich der privat finanzierten Leistungen sei dies anders: Der VPT vertritt bereits seit vielen Jahren die rechtliche Auffassung, dass dort unter Beachtung der juristischen Grenzen auch Behandlungen ohne ärztliche Verordnung durchgeführt werden können, sagt der VPT-Bundesgeschäftsführer. "Dieser sogenannte 'Selbstzahlermarkt’ gibt Therapeuten die Möglichkeit, individuell auf den Patienten zugeschnittene Versorgungsangebote anzubieten, was sowohl im Sinne des Patienten als auch des Therapeuten ist", betont er.
Mehr therapeutische Freiheit
"Im Bereich Physiotherapie sowie Heilmittelerbringer sind wir an einem Wendepunkt angelangt. Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden kämpfen gemeinsam für den Direct Access", bekräftigt Karl-Heinz Kellermann, Landesgruppenvorsitzender der LG Sachsen-Anhalt und stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbandes Physikalische Therapie (VPT) e.V. "Wir wollen erreichen, dass unsere Patienten nicht mehr zuerst einen Arzt aufsuchen müssen und unsere Berufsgruppen direkt mit den Krankenkassen abrechnen können." Die voraussichtlich 2009 anlaufenden Modellversuche mit ausgewählten Ärzten, Krankenkassen und Physiotherapeuten bedeuteten eine "völlig neue Akzeptanz" für unsere Berufsgruppe.
"Nach Untersuchung und Diagnose wird der Patient zum Therapeuten überwiesen. Dieser entscheidet fachkompetent und eigenständig, welche Therapie er wie anwendet", erklärt Kellermann. "Allerdings bleiben Logopäden, Ergotherapeuten sowie Masseure und medizinische Bademeister außen vor."
Voraussetzung für eine Teilnahme an Direct-Access-Modellversuchen sei die regelmäßige Weiterbildung: "Therapeuten haben eine Fortbildungsverpflichtung, die von den Krankenkassen kontrolliert wird. Innerhalb von vier Jahren müssen wir 60 Fortbildungspunkte nachweisen. Es gibt kaum eine andere Berufsgruppe, die so gut qualifiziert ist", erläutert Karl-Heinz Kellermann. Auf größere Verantwortung seien die deutschen Therapeuten vorbereitet: "Die Physiotherapeuten, Masseure und medizinischen Bademeister in Deutschland sind hervorragend ausgebildet, auch in der Diagnostik." Jeder Therapeut erstelle schon heute Eingangsdiagnose, Verlaufsdokumentation und Abschlussbericht. Dies sei Basis für Direct Access.
Kammerlösung gefordert
Vor wachsenden Herausforderungen im Bereich Qualitätskontrolle und -sicherung sieht Gerd Richter, Vorsitzender des Landesverbandes Thüringen im Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK) e.V., die Berufsverbände der Branche: "Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden sind keine Kammerberufe. Die Mitgliedschaft in Verbänden geschieht auf freiwilliger Basis." Deshalb müsse es künftig "eine Art Kammerlösung" geben - mit Pflichtmitgliedschaft und Sanktionsmöglichkeiten. "Dann kann der Berufsstand seine Qualitätsmaßstäbe sichern und sanktionieren, wenn jemand dagegen verstößt." Nur dann gebe es einheitliche Qualitätsstandards und mehr Sicherheit für den Patienten, so Gerd Richter: "Das ist die Bedingung für Direct Access."
Zeit für Spezialisten
"Der Therapeut hat heute einen anderen Stellenwert als noch vor 20 Jahren", hebt Annerose Anys hervor, Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen im ZVK. "Er ist mehr als nur Helfer für andere Professionen." Das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz eröffne nun große Chancen, die Expertise der Therapeuten stärker als bisher zu nutzen. "Spezialisierung ist dabei das A und O. Ein Therapeut muss hoch spezialisiert sein, um der Verantwortung gerecht zu werden", verdeutlicht Annerose Anys. "Die Politik hat uns die Tür geöffnet, wir müssen die Möglichkeit nun nutzen. Uns geht es nicht darum, den Ärzten den Rang abzulaufen. Teamarbeit hat hohe Priorität. Im Mittelpunkt steht immer der Patient."
Hintergrund Direct Access/Primärkontakt:
Mit Direct Access ist der direkte Zugang zu Heilmittelerbringern ohne vorherige ärztliche Verordnung gemeint - und damit stärkere Autonomie
dieser Berufe sowie selbstständige Verordnungskompetenz. Vergleichbare Modelle existieren in Schweden und Australien. Verfechter des Direct Access sehen als positive Effekte zum Beispiel kürzere Wartezeiten für Patienten sowie Kosteneinsparungen.
In Deutschland sollen durch die Modellversuche zumindest Physiotherapeuten im Rahmen des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes die Möglichkeit bekommen, mit den Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen entsprechende Modellvorhaben nach § 63 SGB V zu vereinbaren. Allerdings wird auch bei diesen Versuchsmodellen der Arzt die Indikation zur Physiotherapie stellen - jedoch mit begrenzter Verordnungshoheit: Über Auswahl der Therapieform, Dauer und Frequenz entscheidet der Physiotherapeut. Im Zusammenhang mit Direct Access wird auch die zwingende Akademisierung der therapeutischen und logopädischen Berufe debattiert.
Hintergrund: Heilmittelerbringer
Der Begriff Heilmittelerbringer umfasst die Berufsgruppen Physiotherapeuten/Krankengymnasten, Masseure und medizinische Bademeister,
Logopäden und Ergotherapeuten. In Deutschland gibt es etwa 200.000 Therapeuten im Heilmittelbereich, davon sind rund 120.000 in der Physiotherapie tätig (Quelle: VPT). Im Durchschnitt erhielt 2006 jeder der 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten 3,5 Heilmittelbehandlungen, pro Versichertem wendeten die Gesetzlichen Krankenkassen 55,55 Euro für Heilmittel auf (Wissenschaftliches Institut der AOK/Heilmittel-Report 2008).
Fachausstellung mit mehr als 200 Anbietern
Die therapie Leipzig gibt als einzige Fachmesse in Deutschland einen Überblick über medizinische Rehabilitation und Prävention. Zur kommenden Veranstaltung vom 19. bis 21. März 2009 informieren mehr als 200 Aussteller über neueste Angebote auf dem deutschen Markt. Die Messeleitung erwartet eine 30 Prozent größere Ausstellungsfläche und zehn Prozent mehr Aussteller als zur Vorveranstaltung 2007. Gezeigt werden auf dem Leipziger Messegelände vor allem Therapiegeräte für Physio- und Ergotherapie, Geräte für die Trainingstherapie und Zubehör sowie Einrichtung, Ausstattung und EDV-Lösungen für die therapeutische Praxis, Kliniken sowie Kur- und Heilbäder. Die letzte therapie Leipzig endete mit einem 40-prozentigen Besucherplus und 26-prozentigen Ausstellerzuwachs. Im März 2007 nutzten insgesamt 9.100 Physio- und Ergotherapeuten, Masseure und medizinische Bademeister, Führungskräfte von Akut- und Rehakliniken sowie Kur- und Heilbädern das Angebot der 188 Aussteller.
Ansprechpartner für die Presse:
Ruth Justen, Pressereferentin
Telefon: +49 (0)341 / 678 81 95
Telefax: +49 (0)341 / 678 81 82
E-Mail: r.justen@leipziger-messe.de
therapie Leipzig im Internet:
© 2012 Bundesinnungsverband für Orthopädietechnik